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„Jugendsynode, die war doch 2018 in Rom…. Und jetzt?“

Papst Franziskus hat sich von dieser Versammlung anregen lassen, seine Eindrücke zu sammeln und im Schreiben Christus Vivit (Christus lebt) „an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes“ aufzunehmen, das er am 25. März 2019 veröffentlicht hat.

Marksteine

Als „Markstein auf einem synodalen Weg“ hat er seinen Brief bezeichnet. Mark- oder Grenzsteine dienten schon immer dazu, geheiligte Friedensbereiche zu markieren. Die Steine, die als rechtlich verbindlich galten, standen unter einem besonderen Schutz. Ich bin Papst Franziskus sehr dankbar für solche Mark- bzw. Grenzsteine, an denen wir unsere kirchliche Jugendarbeit messen lassen müssen, sie wurden auch im Zuhören und Nachsinnen bei der Jugendsynode „ausgegraben“.

Franziskus gliedert seinen Brief in neun Kapitel:

  • Was sagt das Wort Gottes über die jungen Menschen?
  • Jesus Christus ist immer jung
  • Ihr seid das Jetzt Gottes
  • Die große Botschaft für alle jungen Menschen
  • Wege der Jugend
  • Junge Menschen mit Wurzeln
  • Die Pastoral der jungen Menschen
  • Die Berufung
  • Die geistliche Unterscheidung

Vielfach finde ich Parallelen zu den „Orientierungspunkten für die Jugendpastoral im Bistum Regensburg“ (OPJ), die im Zusammenwirken aller Beteiligten der Jugendpastoral unserer Diözese formuliert, im Juni 2012 vom damaligen Bischof Gerhard Ludwig Müller als verbindliche pastorale Richtlinien in Kraft gesetzt und von seinem Nachfolger, Bischof Rudolf Voderholzer im April 2013 bestätigt wurden.

Leben in Beziehungen

„Dank des Vertrauens seiner Eltern kann sich Jesus frei bewegen und lernt mit allen anderen gemeinsam zu gehen“ (CV 29). Dieses Vertrauen dürfen nicht nur Eltern ihren Kindern geben. Die Kirche als Gemeinschaft muss junge Heranwachsende begeistern und für ihre Mission bereiten. „In unserer Jugendpastoral setzen wir großes Vertrauen in die Fähigkeiten und Potentiale junger Menschen. Wir wollen sie darin unterstützten, tragfähige Beziehungen zu sich selbst, zu anderen, zur Welt und zu Gott zu entwickeln. Zugleich bauen wir auf ihren kreativen Beitrag zur Gestaltung von Kirche und Gesellschaft im Bistum Regensburg“ (OPJ S.25).

Eine Kirche, die sich erneuern lässt – eine Kirche, die auf die Zeichen der Zeit achtet

Eine Kirche, die ständig kritisch gegenüber allen Äußerungen zur Verteidigung der Frauenrechte eingestellt ist und dauernd die Risiken und möglichen Irrtümer solcher Forderungen aufzeigt, kann nach Ansicht des Papstes als eine übertrieben ängstliche und starr strukturierte Kirche wahrgenommen werden. Von einer solchen Kirche erwarten junge Menschen nichts, sie hat für ihr Leben keine Bedeutung, ja sie wollen sogar von ihr in Ruhe gelassen werden. Dagegen kann z.B. „eine lebendige Kirche so reagieren, dass sie den berechtigten Ansprüchen von Frauen, die größere Gerechtigkeit und Gleichheit verlangen, Aufmerksamkeit schenkt“ (CV 42).

Das positives Menschenbild, das Vertrauen in die Ressourcen jungen Menschen und die wertschätzende Haltung diesen jungen Menschen gegenüber drückt sich im Bistum Regensburg aus, in dem wir – die Akteure der Jugendpastoral – uns auf Augenhöhe begegnen. Wir trauen den jungen Menschen die Übernahme von Verantwortung in Gesellschaft und Kirche zu (Partizipation). Und wir sind davon überzeugt, dass alle Träger der Jugendpastoral in unserem Bistum zusammen starke Partner für die Belange von Kindern und Jugendlichen sind, freilich kann und muss die Kooperation stets aktualisiert werden. Ich bin davon überzeugt: „Jugendpastoral braucht eine Buntheit der Arbeitsformen, Strukturen und Zielgruppen, niemanden darf sie – dem Auftrag Jesu entsprechend – ausschließen. Sie richtet sich vorrangig an die, die besondere Hilfe nötig haben, die in schwierigen (familiären) Verhältnissen aufwachsen, eine Behinderung oder einen Migrationshintergrund haben, aber auch solche, die auf der Suche sind, zweifeln und Religion, Glaube und Kirche gegenüber skeptisch gegenüberstehen (Inklusion)“ (OPJ S. 18).

Drei Schwerpunkte

In seinem Brief „an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes“ berichtet Papst Franziskus schließlich im dritten Kapitel von drei äußerst wichtigen Themen: „Die digitale Umgebung“, „Migranten als Paradigma unserer Zeit“ und „Allen Formen von Missbrauch ein Ende setzen“. In der täglichen Arbeit stellen wir uns diesen Herausforderungen seit langer Zeit, die „Studientagung für Jugendpastoral“ oder „Kreuz&Quer“ widmen sich regelmäßig diesen Handlungsfeldern.

„Die große Botschaft für alle Menschen“, von der Christus Vivit berichtet, findet sich im Leitmotiv unserer OPJ: „… damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10). Dieses „Leben in Fülle“ greift Papst Franziskus nochmal im fünften Abschnitt auf: „Sich einer verantwortungslosen Zügellosigkeit hinzugeben, die einen leer und immer unzufrieden zurücklässt“, das wäre der falsche Weg. Es gilt vielmehr, „die Gegenwart in ihrer Fülle zu leben, indem man die Kräfte für gute Dinge einsetzt, die [Geschwisterlichkeit] pflegt, Jesus nachfolgt und jede kleine Freude des Lebens als ein Geschenk der Liebe Gottes schätzt“ (CV 147).

Aufeinander warten

Am Ende seines Schreibens äußert Franziskus einen Wunsch:
„Liebe junge Menschen, ich werde glücklich sein, wenn ich euch schneller laufen sehe, als jene, die langsamer und ängstlich sind. Lauft ‚angezogen von jenem so sehr geliebten Antlitz, das wir in der heiligsten Eucharistie anbeten und im Fleisch der leidenden Geschwister erkennen. Der Heilige Geist möge euch bei diesem Lauf vorwärts drängen. Die Kirche bedarf eures Schwungs, eurer Intuitionen, eures Glaubens. Wir braucht das! Und wenn ihr dort ankommt, wo wir noch nicht angekommen sind, habt bitte die Geduld, auf uns zu warten‘“ (CV 299).

Worauf müssen also die jungen Menschen in Deutschland warten?
Wie geht es bei uns weiter?

Die Jugendkommission hat vier Themenbereiche erarbeitet, in denen die Arbeit der Jugendsynode in Deutschland konkret und fruchtbar werden soll. „In einem Forum Jugendpastoral vom 3. bis 5. November 2020 in Vallendar sollen Überlegungen zusammengetragen und in eine Neufassung der ‚Leitlinien zur Jugendpastoral der deutschen Bischöfe‘ einfließen.“ – so schreibt Jugendbischof Dr. Stefan Oster SDB.

Die vier Themenbereiche umfassen:

  1. die geistliche Begleitung und das geistliche Wachstum,
  2. das Ineinander von Jugend- und Berufungspastoral,
  3. die Herausforderungen, Chancen und Risiken der digitalen Welt und
  4. das Zueinander von missionarischer und diakonischer Jugendpastoral.

 

Die Mitarbeitenden des Bischöflichen Jugendamtes waren bereits eingeladen, gemeinsam mit allen Akteuren in den kirchlichen Jugendverbänden und -gruppierungen unseres Bistums Antworten auf Impulsfragen der „Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz zu suchen und zu finden, die ich zur Vorbereitung des „Forum Jugendpastoral“ weitergeleitet habe. Wie die wertvollen Erfahrungen der Praxis in neue Leitlinien einfließen, wird sich zeigen. Jedenfalls freue ich mich auf den Gesprächsprozess, den wir führen werden. Danach – das verspreche ich – blicken wir wieder auf unsere OPJ …

 

Christian Kalis, Jugendpfarrer / BDKJ-Diözesanpräses, im Herbst 2020